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18.12.2025 13:52 Alter: 59 days

Stellungnahme des Geschäftsführenden Ausschusses der Bundes-ESG zur Finanzstrategie der EKiR


Foto: ESG Aachen

Zur geplanten Schließung von neun ESGn und sechs Studierendenwohnheimen im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) bezieht der Geschäftsführende Ausschuss der Bundes-ESG Stellung. Wir durcken die Stellungnahme hier im Wortlaut ab:

 

Sehr geehrte Mitglieder der Kirchenleitung,

sehr geehrte Synodale,

 

der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland liegt eine Beschlussvorlage zu den neun Ev. Studierendengemeinden (ESGn) im Rheinland vor. Darin geht es um die Schließung der neun ESGn inkl. der sechs Studierendenwohnheime in landeskirchlicher Trägerschaft. Stattdessen wird den Kirchenkreisen empfohlen, die Arbeit der ESGn in Gemeinden für junge Erwachsene zu transformieren. Jene sind aber u.U. nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir als Geschäftsführender Ausschuss der Bundes-ESG protestieren dagegen aufs Schärfste, da damit aus unserer Sicht die Zukunftsfähigkeit der ESGn, der Arbeit mit jungen Erwachsenen und auch der EKiR schweren Schaden nimmt.

 

Wenn die ESGn aus der landeskirchlichen Zuständigkeit rausfallen würden, besteht die Gefahr, dass…

 

  1. deutlich mehr junge Erwachsene als bisher zu Beginn ihrer Berufstätigkeit aus der Kirche austreten.
  2. die Evangelische Kirche im Rheinland in Universitäten und Hochschulen ohne theologische Fakultät nicht mehr vorkommt und keine inhaltlichen Akzente mehr setzen kann.
  3. das Themenfeld „Religion an der Hochschule“ freikirchlichen Gruppen im universitären Kontext überlassen wird.
  4. es kaum Räume für die Themen und Bedürfnisse junger Erwachsener gibt.
  5. die EKiR deutlich an Innovationskraft in geistlicher, ökumenischer und pluraler Hinsicht verliert.
  6. der EKiR ein beträchtlicher Teil an gutverdienenden Kirchensteuerzahlende in spätestens fünf bis zehn Jahren verloren geht.
  7. die EKiR weniger international wird, an niedrigschwelligen Zugängen verliert und ihr rassismuskritische, queere, gesellschaftspolitische Impulse fehlen werden.
  8. die EKiR im interreligiösen Dialog Einbußen hinnehmen muss.
  9. Partizipationsmöglichkeiten in kirchlichen Gremien für junge Erwachsene wegfallen und dadurch die Möglichkeit Kirche mitzugestalten für die Zielgruppe noch weniger wird.

 

Wir verstehen sehr gut den Spardruck, dem die Evangelische Kirche im Rheinland aktuell ausgesetzt ist. Erstaunlich allerdings ist, dass die ESGn deutlich überproportional zu allen anderen Handlungsbereichen einsparen müssen.

 

Säkularisierungstendenzen betreffen viele Bereiche der Gesellschaft, aber im Kontext von Universitäten und Hochschulen sind sie soziologischen Studien zufolge besonders ausgeprägt. Diese Befunde decken sich mit unseren Erfahrungen. Die ESGn sind an dieser Stelle ein beträchtliches Bollwerk: Menschen, die eine Zeit lang in der ESG waren, haben eine deutlich geringere Austrittsneigung und eine stärkere Bindung zur Kirche als andere. Gerade in dieser besonderen Gemengelage von säkularem und gleichzeitig multireligiösem Umfeld sind die ESGn wichtige Gesprächspartner in Gesprächen mit anderen Religionen, Hochschulgruppen oder Leitungsgremien der Hochschulen.

 

In den ESGn machen junge Menschen eindrückliche Erfahrungen im Raum der evangelischen Kirche und prägen anschließend mit enormem Innovationspotential die Kultur und das Gesicht der Kirche von morgen. Viele junge Erwachsene erleben erstmalig Kirche und merken, dass ihre Bedürfnisse und Themen unmittelbar gehört werden. ESGn begleiten bei kritischen Übergängen im Leben (Umzug, Trennung, Studienbeginn, Eintritt Beruf) und fangen durch eigene Angebote und Rituale Lücken der Kirche auf. Erwachsenentaufen sind in den ESGn gängige Realität. Somit sind Studierende aus den ESGn auch die Kirchensteuerzahlenden und Verantwortungstragende von morgen (siehe KMU 6 Austrittszeitpunkt bei Berufseinstieg).

 

Die ESGn sind nach der Kinder- und Jugendzeit häufig eines von ganz wenigen Angeboten der Ev. Kirche für dieses Altersspektrum. Sie gibt vielen, insbesondere auch internationalen Studierenden einen Anlaufpunkt in einer noch fremden Stadt oder einem fremden Land und ist oft eine Heimat auf Zeit. Die ESGn sind Orte gelebter Ökumene, gesellschaftspolitisch engagiert, Orte queeren Glaubens, rassismuskritisch und international. Sie pflegen zudem den interreligiösen Dialog, z.B. mit dem Format „Café Abraham“.

 

Es ist wichtig, dass Pfarrpersonen in ESGn ansprechbar sind, da junge Erwachsene oftmals ganz direkt eine theologische Auskunftsfähigkeit einfordern. Außerdem stellen Seelsorge und geistliche Begleitung einen wichtigen Bereich der hauptamtlichen ESG-Arbeit dar. Studierende spüren zunehmend mehr Leistungsdruck, finanziellen Druck und gleichzeitig nehmen Zukunftsängste zu. Die ESGn fangen einen Großteil der psychosozialen Beratung auf dem Campus ab und erreichen damit junge Erwachsene, die vorher keinen Bezug zu Kirche hatten. ESGn können durch ihre Expertise und durch die Gestaltung der Gemeinde von Studierenden (Stichwort young preaching) spezifische theologische Angebote machen, dort wo kirchliche Angebote flächendeckend fehlen (z.B. Neue Kasualie Berufseinstieg).

 

Deshalb bitten wir als Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses der Bundes-ESG Sie eindringlich, die Finanzstrategie im Hinblick auf die ESGn noch einmal zu überdenken. Den Hochschulen und Universitäten, aber auch der Evangelischen Kirche im Rheinland würde durch eine stark dezimierte Präsenz oder völliges Fehlen der ESGn vieles fehlen: Orte des gelebten Glaubens, der Diakonie, des Austausches und der Begegnung. Wir sind davon überzeugt: Die ESGn sind für junge Menschen im Kontext der stark säkular geprägten Hochschulen wertvolle, wenn nicht gar unersetzliche Orte.

 

Wir bitten darum, mehr Zeit zu geben, um Alternativvorschläge entwickeln und überprüfen zu können. Unsere Fachexpertise stellen wir und die Geschäftsstelle der Bundes-ESG dafür gern zur Verfügung.

 

Mit herzlichen Grüßen

 

Lydia Metz

Vorsitzende Geschäftsführender Ausschuss

 

Elisabeth Schneider

stellv. Vorsitzende Geschäftsführender Ausschuss

 


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